Rede zum Tag der Befreiung

Rede der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen Königs Wusterhausen anlässlich zum Tag der Befreiung und der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht am 8. Mai 2020 vor dem Ehrenmal in Königs Wusterhausen:

Wehret den Anfängen

Ines Kühnel: „Am 8. Mai gedenken wir alljährlich als Tag der Befreiung allen Opfern des Nationalsozialismus. Wir selbst haben den 2. Weltkrieg nicht erlebt. Er ist jedoch Teil unserer Familiengeschichte. Wir möchten euch heute teilhaben lassen an den persönlichen Erlebnissen aus unseren Familien.

Mein Großvater war einfacher Wehrmachtssoldat, Späher. Er hat sich auf dem Weg nach Stalingrad freiwillig in Kriegsgefangenschaft begeben. Denn was er dort erleben musste, war für ihn nicht ertragbar und veränderte ihn für immer. Als er Ende der 50ger Jahre nach Hause kam, war er ein Wrack. Er erzählte nicht offen über diese Zeit, weinte viel, oft heimlich. Als Kind hatte ich ihn gefragt, was ich falsch gemacht habe, als er wieder weinte. Später, nach seinem Tod, erzählte mir meine Großmutter einige Dinge, die er während des Krieges erlebt hatte. Er litt unter Alpträumen bis zu seinem Tod. Die Zeit in der Gefangenschaft war zwar hart, aber für ihn ertragbar. Was er hingegen im Krieg als Soldat erlebt hat, hat ihn als Mensch gebrochen.

Ich habe meine Großmutter oft gefragt, ob die Menschen die Gräueltaten nicht mitbekommen haben oder warum sie nichts dagegen getan haben. Sie sagte mir, es war eine gefährliche Zeit. Viele Leute hätten die Gewalt auf den Straßen und die Deportationen der Juden ignoriert, verdrängt – sie schauten weg. Wer sich kritisch äußerte, musste mit Gefängnis oder schlimmeren rechnen. Sie hat mir viel über die Kriegszeit erzählt, aus ihrer Sicht. Und sie sagte mir immer wieder, wie froh sie war, dass ich und meine Geschwister in Frieden aufwachsen konnten. Ich bin ihr über diesen persönlichen Geschichtsunterricht sehr dankbar.“

Teresa Nordhaus: „Mein Uropa Willi Uhlig, wohnhaft gewesen in Plaue-Bernsdorf (verstorben am 6. Januar 1938) war in der Zeit von 1933 bis 1935 zweimal im Konzentrationslager Sachsenburg inhaftiert. Seine erste Verhaftung erfolgte am 2. März 1933. Er wurde zunächst in das Polizeipräsidium Chemnitz gebracht, wo er schwerstens misshandelt wurde. Er war dann in dem sogenannten Schutzhaftlager in Plaue inhaftiert und von dort nach Sachsenburg überführt worden. Seine erste Entlassung erfolgte Ende Oktober 1934. In der früher erschienenen Broschüre „Tausend Kameraden Mann an Mann“ findet sein Wirken Erwähnung.

Als nachfolgende Generation ist es nicht unsere Schuld, was damals passiert ist. Aber es wird unsere Schuld sein, wenn wir zulassen, dass die Geschichte sich wiederholt. Wenn wir zulassen, dass Menschen, die Rassismus, Faschismus und Antisemitismus anprangern, mundtot gemacht werden, dass auch auf kommunaler Ebene eine kritische Auseinandersetzung miteinander zunehmend unerwünscht ist. Und es ist unsere Schuld, wenn wir weiter zulassen, dass rechtsgesinnte Parteien in unserem Land weiterhin ihr nationalistisches, rechtes Gedankengut verbreiten können.“

Ines Kühnel: „Esther Bejarano, eine Ravensbrück-Insassin sagte einmal: „Ihr habt keine Schuld an dieser Zeit, aber ihr macht euch schuldig, wenn ihr nichts über diese Zeit wissen wollt. Ihr müsst alles wissen, was damals geschah und warum es geschah.“

Alexander Gauland, Bundestagsmitglied und Befürworter des Flügels innerhalb der AfD, bezeichnete die Zeit des Nationalsozialismus als „Vogelschiss der Geschichte“.  Solche Menschen sitzen wieder in unseren Parlamenten und das macht mir Angst, es macht mich aber auch wütend. Oft lese ich den Hashtack „Nie wieder“ in den sozialen Medien. Das „nie wieder“ darf keine hohle Phrase sein, sondern ist ein konkreter Auftrag an die Zivilgesellschaft und an die Politik.

Enden möchte ich mit einem Zitat von Noah Flug, einem Auschwitz-Überlebenden: „Die Erinnerung ist wie das Wasser. Sie ist lebensnotwendig und sie sucht sich ihre eigenen Wege in neue Räume und zu anderen Menschen. Sie ist immer konkret: Sie hat Gesichter vor Augen und Orte, Gerüche und Geräusche. Sie hat kein Verfallsdatum und sie ist nicht per Beschluss für bearbeitet oder beendet zu erklären.“

Die Fraktion Bündnis 90 / Die Grünen in Königs Wusterhausen sagt deshalb: WEHRET DEN ANFÄNGEN!“

 

 

 

 

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